Offener Brief vom StSR Halle (Saale) an Bildungsminister Marco Tullner

Bildung | Aktuelles
von hallelife.de | Redaktion

Der Stadtschülerrat hat sich auf Grund der vielen Sorgen und Probleme der Schüler aus Halle (Saale) dazu entschieden,​ einen offenen Brief an unseren Bildungsminister Herrn Marco Tullner zu verfassen.

Offener Brief

Die aktuelle Krisenlage an Halles Schulen und Sorgen um ein chancengleiches Abitur

 

Sehr geehrter Herr Minister,

ich richte mich an Sie, um die Sorgen der Schülerinnen und Schüler der Stadt Halle (Saale) weiterzutragen. Die Corona-Pandemie stellt uns alle vor große Herausforderungen. Seit mittlerweile fast einem Jahr bestimmt sie auch unser Schulleben. Leider müssen wir feststellen, dass sich seit März 2020 die teils prekäre Situation an Schulen nicht verbessert hat. Stattdessen erlebten wir ein Jahr voller Debatten, die aber noch immer zu keiner Verbesserung der Lernbedingungen führten. Ein Jahr voller Chaos, das wir tagtäglich erleben und ausbaden müssen. Wir fragen uns und Sie, wieso es immer noch keine echten Konzepte gibt, auf die wir uns verlassen können?

Schülerinnen und Schüler sind die Experten des Schulalltags – neben den Lehrern. Oder sehen Sie das anders? Einbezogen in die vielen, vielen und immer noch andauernden Debatten wurden und werden wir aber nicht. Auch die Schülervertretungen wurden von den Schulleitungen im Laufe der Pandemie wenig oder gar nicht eingebunden. Insofern fühlen sich viele Schülerinnen und Schüler gerade in dieser schwierigen Zeit nicht nur verunsichert, sondern auch unverstanden, nicht repräsentiert oder sogar missachtet. Deswegen hat sich der Stadtschülerrat, auch nach Kontakt mit mehreren Schulen aus Halle, entschieden diesen Brief zu verfassen. Denn es gibt massive Sorgen, Nöte und Probleme und wir finden, ein Recht darauf zu haben zumindest gehört zu werden. Wir möchten einige der markantesten Probleme auflisten:

I. Der derzeitige Distanzunterricht ist für uns nicht gleichwertig mit dem Präsenzunterricht. Viele der Tools, welche zur Verfügung gestellt wurden (Moodle, Emu-Cloud), funktionieren nicht oder die Lehrer*innen können mit diesen nicht in ausreichendem Umfang umgehen. So funktionierte Moodle an den letzen drei Schultagen vor Weihnachten gar nicht und auch im neuen Jahr treten immer wieder Probleme auf. Ausbaden müssen wir das – mit Einbußen bei unserer Bildung.

II. Die einzige angeordnete Maßnahme, neben einer Maskenpflicht, das Lüften, kann und darf keine Dauerlösung sein - nicht im Winter. Haben Sie schon einmal probiert, mit kalten Händen einen langen und möglichst klugen Text in einer Klausur zu schreiben? Viele Schüler*innen können Ihnen bestätigen, dass das kein Vergnügen ist. Solche Situationen führen dazu, dass Schüler*innen und Lehrer*innen weniger oder gar nicht lüften. Auch Luftfilteranlagen wurden nicht installiert. Ausbaden müssen wir das – mit schlechteren Noten oder Erhöhung unserer Ansteckungsgefahr.

III. Die Verteilung von FFP-2 Masken zum Eigenschutz an Lehrerinnen und Lehrer begrüßen wir. Aber wir fragen uns, warum an Schülerinnen und Schüler, die zu Risikogruppen z.B. durch Erkrankungen gehören, oder deren Eltern zu Risikogruppen gehören, keine solche Masken verteilt werden. Wo ist hier die Gleichberechtigung und Gleichbehandlung? Ausbaden müssen wir das – mit unsicheren Gefühlen im Unterricht, mit Kosten für unsere Eltern oder vielleicht sogar mit einer Infektion.

Ganz besonders hinweisen, möchten wir Sie auf die Sorgen der Abschlussklassen, hier exemplarisch die der Gymnasien. Am Anfang der Pandemie war oft die Rede von Chancengleichheit. Viele diskutierte Maßnahmen wurden nicht umgesetzt, um diese angebliche Chancengleichheit bzw. Bildungsgerechtigkeit nicht zu gefährden. Doch wir sagen Ihnen hier deutlich: Schülerinnen und Schüler haben aufgrund dieser Pandemie schon lange nicht mehr die gleichen Chancen wie die Jahrgänge vor Ihnen. Dieser Fakt muss endlich offen diskutiert werden und er erfordert Konsequenzen. Teilweise waren Oberstufen unserer Schulen diesen Winter schon für mehrere Schulwochen in Quarantäne, andere konnten in der Zeit relativ normal weiter in Präsenz unterrichtet werden. Kurse werden teilweise selbst an der gleichen Schule unterschiedlich gut gelehrt, da manche Lehrer*innen krankheitsbedingt lange fehlten und fehlen. Wir sind großem Druck ausgesetzt vor den Prüfungen, dieser wird durch die Pandemie und immer neue Regelungen zum Schulbetrieb noch erhöht. Chancengleichheit wird meist als Argument gegen eine Anpassung der Abiturprüfungen aufgeführt, diese ist aber schon lange nicht mehr vorhanden. Deswegen wünschen wir uns jetzt eine Diskussion über Änderungen der Abiturprüfungen – um tatsächlich Bildungsgerechtigkeit für die aktuellen Abschlussjahrgänge zu gewährleisten. Quasi eine Art Krisen-Abitur. Denn wir sind ja nun mal alle zusammen in einer nie da gewesenen Krise.

Wir haben hier Maßnahmen gefunden, welche aus unserer Sicht denkbar wären:

I. Reduzierung des Stoffes und/oder mehr Wahlthemen.

II. Auch eine Dezentralisierung des Abiturs im Sinne von schulinternen Prüfungen könnte in Erwägung gezogen werden. So würden die unterschiedlichen Lernstände zwischen den einzelnen Schulen, die aufgrund von Quarantänen entstanden sind, berücksichtigt werden.

III. Alternativ ist auch ein Durchschnittsabitur denkbar, für welches sich viele Schüler*innen ausgesprochen haben. Dies würde den Vorteil haben, dass die Zeit zur individuellen Prüfungsvorbereitung für regulären Unterricht genutzt werden kann. Durch den wegfallenden Prüfungsdruck kann eine bessere Konzentration auf den Unterrichtsstoff gewährleistet werden.

IV. Auch das Einbeziehen der Hochschulen halten wir für sehr wichtig, damit dort keine Nachteile für die jetzigen Abschlussklassen entstehen.

Wir hoffen auf eine baldige Antwort und Maßnahmen, die sowohl die Lehrerinnen und Lehrer als auch die Schülerinnen und Schüler in die Lage versetzen, trotz Corona guten Unterricht zu machen. Unterricht, der uns gut auf unsere Zukunft vorbereitet. Für die Abschlussklassen hoffen wir auf krisentaugliche und zukunftsorientierte Entscheidungen, damit die Schulabgänger nicht die Folgen der Krise mit ins weitere berufliche Leben tragen müssen. Gerne sind wir bereit mit Ihnen an Lösungen zu arbeiten oder unsere Erfahrungen im Detail zu teilen.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Willi Preuk

Stadtschülersprecher Halle (Saale)

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